Ein Gespr�ch mit bedrohten W�rternIn den stillen Winkel eines antiquierten Buches hatten sich Pappenheimer und Pfennigfuchser verdr�ckt, als ich sie zuletzt traf. Gleich beim ersten Lesen machten sie einen niedergeschlagenen Eindruck; gaben ihre Depression auch sofort zu. �Traun!�, riefen sie unisono, und da ich verst�ndnislos guckte, schob Pappenheimer vorsorglich eine �bersetzung nach: �F�rwahr!� Meinen Kommentar, auch diese Wortwahl t�ne ziemlich altert�mlich, quittierte er mit einem Seufzer. Er wies hin�ber in die Abteilung G, wo die Kollegen Grisette, Galan und Gendarm aschgrau auf dem Boden hockten. Irgendwie angestaubt sahen sie aus. �Das ist ja unser Problem�, meinte Pappenheimer. Kaum jemand benutze sie noch. Zwar seien sie viel distinguierter im Munde zu f�hren als die neudeutschen �quivalente, doch d�rfe man sich nichts vormachen: Sprachsoziologisch betrachtet, seien sie schlimmer dran als das abgeh�ngte Prekariat. Ein Dasein ohne Perspektive. Wiederbelebung ausgeschlossen.
Mein aufmunternder Hinweis auf die j�ngste Initiative des Sprachdenkmalpflegers Bodo Mrozek verfing nicht. Seit Mrozek in zwei B�nden sein �Lexikon der bedrohten W�rter� vorgelegt habe, f�hle er sich wie endg�ltig eingesargt, knurrte Pappenheimer. Und dann noch dieser �ffentliche Wettbewerb im Internet, bei welchem bis Ende Februar jeder hergelaufene Naseweis einen unmassgeblichen Vorschlag f�r ein bedrohtes Lieblingswort einreichen k�nne. Ihm sei ganz bl�merant zumute, wenn er sich auf jener Liste stehen sehe, eingezw�ngt zwischen Pantoffelheld und Pappenstiel, und im weiteren Umfeld ges�umt von ephemeren Szene-Ausdr�cken wie �Pogo� und �Popper�, die doch, mit Verlaub, in eine ganz andere Liga geh�rten. Einen Redaktor der �S�ddeutschen Zeitung� habe er k�rzlich auf diese Missverh�ltnisse hingewiesen, fuhr Pappenheimer, ein Grinsen unterdr�ckend, fort, und dieser sei denn auch entschieden kritisch mit der Website www.bedrohte-Woerter.de ins Gericht gegangen, habe die Betreiber ob ihrer Taubheit f�r Nuancen ger�ffelt und Falschmeldungen wie das zwar in seiner Bedeutung ver�nderte, aber gewiss nicht gef�hrdete Allerweltswort �geil� angeprangert.
Ob er derlei nun auch von mir verlange, wollte ich wissen. Pappenheimer blickte verschmitzt. Die NZZ gelte doch als gebildetes Blatt, meinte er mit einer Wendung ins Vertrauliche. Was ein Ceterum censeo sei, wisse ich dann ja wohl. Sollte mir wirklich daran gelegen sein, ihn nachhaltig aufzumuntern, dann m�sse ich eben k�nftig im Feuilleton den Cato geben. Nein, nicht um zur Vernichtung der Neologismen aufzurufen, welche heuer die alten W�rter von ihren Pl�tzen verdr�ngten. Das sei v�llig zwecklos, denn die W�rter �nderten sich ja auch deswegen, weil sich die Welt ver�ndere. Andere Dinge, andere Namen. Aber jemanden wie ihn gebe es immer. Wenn ich nun jeden meiner Artikel mit dem Ausruf �Ich kenne meine Pappenheimer!� beschl�sse, sei das f�r mich v�llig ungef�hrlich, f�r ihn aber eine grosse Hilfe. Er sah mich dr�ngend an. Ich schlug das Buch eilig zu.
Joachim G�ntner in der
NZZ.
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